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Einige Worte zu ...          

... Reservationstourismus – Eine neue Form der Ausbeutung

Jeden Sommer strömen tausende von Touristen aus Amerika und Europa ins Indianerland, vorwiegend in die Reservationen der Lakota. Die Pine Ridge Reservation ist das häufigste Ziel dieser Abenteurer, denn mit dieser Reservation im Südwesten des Staates South Dakota verbindet man Namen berühmter Häuptlinge wie Crazy Horse, Red Cloud oder auch den Ort Wounded Knee, an dem im Jahre 1890 knapp 300 Minniconjou – Lakota zusammen mit ihrem Anführer Big Foot, von der US-Kavallerie niedergemetzelt wurden.

Sie kommen meist ohne Einladung für ein paar Stunden oder Tage vorbei, um auf dem Friedhof von Wounded Knee mal kurz das Massengrab zu fotografieren, in dem die Leichen der getöteten Minniconjou gemeinsam verscharrt wurden. Auch das Grab von Red Cloud ist ein attraktives Objekt zu Fotografieren. Auf dem Weg durch die Reservation wird überall dort angehalten, wo sich ein interessantes Objekt für ein Foto bietet. Ein heruntergekommenes indianisches Wohnhaus, eine verlassene Schwitzhütte, ein paar betrunkene Indianer am Straßenrand, oder ein paar spielende Kinder in zerlumpter Kleidung, alles wird ohne vorherige Erlaubnis fotografiert, und so mancher Indianer hat sein Haus, seine Schwitzhütte, seine Kinder oder sich selbst später in einer Zeitschrift oder einem Buch wieder gefunden und war nicht sehr begeistert darüber.

Aber es sind nicht nur die Fototouristen, die die Indianer verärgern. Der auf der Pine Ridge Reservation lebende Oglala-Lakota und Buchautor Vic Glover bringt die Sache auf den Punkt:

„Man sieht eine Menge Leute die mal kurz durch die Reservation fahren. Sie kommen aus unterschiedlichen Motiven. Einige wollen sehen, ob wir noch in Tipis leben. Einige wollen ‚den Indianern helfen’. Einige wollen einen Indianernamen. Einige möchten in den Stamm adoptiert werden. …  Einige wollen dir erzählen, wie schuldig sie sich fühlen. Einige wollen dir erzählen, dass ihre Urgroßmutter eine Cherokeeprinzessin war. …

Einige wollen an Zeremonien teilnehmen… Einige wollen Peyote essen und andere wollen ‚eine Friedenspfeife rauchen’. Einige wollen einen Medizinmann kennenlernen.

Aber es gibt etwas, was alle diese Leute gemeinsam haben, alle wollen sie etwas von uns“.

(Vic Glover: Keeping Heart on Pine Ridge, Native Voices, Tennessee, 2004, Seite 25/26)

Die meisten Indianer reagieren gewöhnlich mit Humor auf die Dummheit dieser Touristen. Sie bleiben ihnen gegenüber höflich, aber sowie man ihnen den Rücken zuwendet, machen Sie sich über die betreffende Person lustig. Der betreffenden Person kann es egal sein, sie kommt vielleicht nie wieder auf die Reservation. Peinlich ist es nur für die Nicht-Indianer, die auf Einladung und mit vernünftigen Absichten die Reservation besuchen. Sie können sich die ganzen Geschichten über das schlechte Benehmen ihrer weißen Mitbrüder anhören und manche dieser Anekdoten treiben einem die Schamesröte ins Gesicht.

Es ist in der Tat so, dass viele dieser Touristen nur kurze Zeit bleiben. Viel zu kurz, um einen Indianer persönlich kennenzulernen, und wenn ich kennenlernen sage, dann meine ich keinen Smalltalk, sondern kennenlernen im wahrsten Sinne des Wortes. Es dauert lange, bis Indianer Vertrauen fassen und zu wirklich sprechen beginnen, anstatt nur Höflichkeitsfloskeln auszutauschen. Die meisten dieser Abenteuertouristen hetzen in ein paar Stunden durch die Reservation, wenn’s hoch kommt vielleicht ein zwei Tage und erwarten dann mit einem Haufen Fotos, einem echten Indianernamen oder einer Adoptionsurkunde wieder nach Hause zu fahren. Und all das will man natürlich auch umsonst haben.

„Alle wollen sie etwas von uns“, sagt Vic Glover in seinem Buch, und er hat Recht. Die wenigsten Besucher kommen, um den Indianern etwas zu geben. Nein, gemeint ist nicht unbedingt Geld. Aber man könnte, bevor man einen Ältesten oder eine Familie mit Kindern besucht, vorher im Supermarkt Lebensmittel einkaufen und Süßigkeiten für die Kinder. Man könnte, wenn man eingeladen wird über Nacht zu bleiben, das Geschirr abwaschen, die Küche sauber machen, einen Zaun reparieren oder irgendetwas nützliches tun. Man könnte, wenn man das Glück hatte, in ein Haus eingeladen worden zu sein, seine weiteren Reisepläne verschieben, um das Haus eines Ältesten zu renovieren. All das wird mit Wohlwollen registriert, auch wenn man nicht unbedingt sofort ein überschwängliches Dankeschön hört, wie es unter Weißen üblich ist.

Einen Indianernamen oder gar eine Adoption muss man sich verdienen. Oft muss man die Familie oder die Person einige Male für längere Zeit besucht haben, bevor man sich entschließt, den Fremden einen Ehrennamen zu verleihen oder gar in die Familie aufzunehmen. Und was wichtig ist, man kann dies nicht einfordern. Man möge sich mal bitte folgende Situation vorstellen: Ein afrikanischer Asylant klingelt an der Wohnungstür einer unbekannten deutschen Familie und sagt, dass er sich sehr für die deutsche Kultur interessiere, gern hier leben möchte und bittet darum von dieser Familie adoptiert zu werden und den deutschen Namen der Familie annehmen zu dürfen.

Sie lachen? Gut. Genauso erheitert bzw. auch irritiert fühlen sich Indianer, wenn man mit solchen absurden Anliegen an sie heran tritt.

Eine andere Gruppe, die den Unwillen der Indianer erregt, sind die Esoteriktouristen, die sofort jeden Indianer den sie sehen von ihren „Visionen“ erzählen, oder das sie in ihren früheren Leben mal ein Indianer waren. Vic Glover sagt dazu:

„Ich wusste gar nicht, dass Crazy Horse so oft wiedergeboren wurde. Es gab einige von ihm, die durch die Reservation fuhren. Natürlich alles Weiße, soweit ich sie getroffen habe,“

Auch ich kann ein Lied davon singen, denn in meinen Lakotakursen tauchte so manche Reinkarnation eines berühmten Indianerhäuptlings auf, natürlich immer aus dem Volk der Lakota, denn „nur ein gefiederter Indianer, ist ein echter Indianer“ und ein Navaho, oder Nordwestenküstenindianer ist eben nicht cool genug.

Auch einige der von den Indianern belächelten „Over-Night-Medicine-Men“ (Über-Nacht –zum-Medizinmann-geworden) wenden sich gelegentlich, selbst zu unmöglichen Zeiten an mich, um Flüche, Segnungen, Gebete oder einen selbst erfundenen Indianernamen mal kurz eben ins Lakota übersetzt zu bekommen, und das natürlich möglichst gratis.

„Mal kurz eben“ ist das Motto des Wasicu, des weißen Mannes, der von den Sioux verächtlich  „Der der das Fett nimmt“ genannt wird. Wasicu kommt von „wasi“ (Fett) und „icu“ (er nimmt). Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes mag eventuell mal eine gewesen sein, denn der Ethno-linguist und Missionar Steven R. Riggs schreibt in seinem Buch „Dakota Grammar“, dass „Wasicuŋ“ Geist bedeutet, was auch korrekt ist, nur endet das von ihm verwendete Wort mit einem naselen „uŋ“, das erste Wort mit einem gewöhnlichem „u“.

Entweder ist Riggs  der Ausspracheunterschied nicht aufgefallen, oder aber die Lakota selbst haben den Sinn des Wortes später durch eine andere Aussprache verändert, um sich somit wenigstens verbal am weißen Mann zu rächen, der ihm soviel Böses zugefügt hatte.

Der Lakota-Medizinmann John Fire Lame Deer jedenfalls übersetzt das Wort in der ersten Variante und auf den Reservationen habe ich die Indianer immer nur vom „Wasicu“ reden gehört. Die Riggs Version habe ich nur ein einziges Mal gehört, und zwar in den 1969 gedrehten Film „Ein Mann den sie Pferd nannten“.

Aber kommen wir zurück zum Thema, der Hast und Eile und der Ungeduld, mit der weiße Touristen Indianer und sich auch untereinander belästigen.

Genauso wenig wie ich als Buchautor gewillt bin, abends nach 20 Uhr, wenn ich es mir vor dem Fernseher gemütlich gemacht habe, für einen Anrufer in mein Arbeitszimmer zu rennen um mal „kurz eben“  in meinen Wörter – und Grammatikbüchern zu blättern, um Indianernamen, Flüche und Gebete für einen mir völlig fremden Menschen zu übersetzen, genauso wenig sind Indianer bereit, Leuten, die sie nie vorher gesehen haben, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, ihre spirituellen Geheimnisse anzuvertrauen oder sie in ihre Familie oder den Stamm zu adoptieren.

Der weiße Mann, an löslichen Kaffee, Fertiggerichten in Dosen, Fünf-Minuten-Suppen und Fast Food gewöhnt, versucht dieses Schnell- Konsumieren- und –weg  auch auf seine Mitmenschen anzuwenden. Man nimmt sich keine Zeit mehr für Etikette, erklärt jeden, von dem man etwas will, zu seinem Freund und nimmt sich keine Zeit mehr eine Freundschaft langsam entstehen zu lassen. Aber dies „mal eben kurz“ funktioniert bei Indianern eben nicht und wenn man nicht gewillt ist, sich Zeit zu nehmen und auch etwas zurückzugeben, dann sollte man lieber nicht ins Reservat fahren.

Überhaupt sollte man auch lieber nicht uneingeladen kleinere indianische Ortschaften oder Privatgrundstücke aufsuchen, nicht uneingeladen Älteste aufsuchen oder ohne indianische Begleitperson auf Friedhöfen oder Heiligtümern herumspazieren und Fotos machen.

Natürlich sind nicht alle Besucher, die mal kurz Pine Ridge oder eine andere Reservation besuchen Esoterik – oder New Age-Freaks, oder wollen als adoptierte Neu-Indianer nach Deutschland zurückkehren. Ich kenne auch Leute, die aus ehrlichem Interesse hinfahren und keine weiteren Hintergedanken haben, als zunächst mal zu „schnuppern“, die über geschichtliche Ereignisse gelesen haben und den Ort des Geschehens mal mit eigenen Augen sehen wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn auf den Reservationen leben viele der Leute auch vom Tourismus. Es ist nichts dagegen einzuwenden, mal in einen indianischen Bed&Breakfast-Haus oder einer Ranch zu übernachten oder im Atelier eines indianischen Künstlers ein Mitbringsel zu kaufen.

Dennoch gilt: Wer ein Reservat besuchen möchte und die Leute dort kennenlernen möchte, der sollte sich vorher an Organisationen in Deutschland oder an Privatpersonen wenden, sich informieren und nach Kontaktmöglichkeiten fragen. Man kann auch selbst im Internet recherchieren, denn es gibt inzwischen genug indianische Unterkunftsmöglichkeiten für Touristen auf den Reservaten und die Leute dort helfen einem sicher weiter, wenn man sie nicht zwei Minuten nach der Ankunft mit tausenden von Fragen bombardiert, sondern erstmal einen höflichen Smalltalk führt. Man sollte auch nicht vergessen, dass Indianer genauso neugierig darauf sind, etwas über andere Teile der Welt zu erfahren. Viele haben Angehörige, die mal als Soldat in Deutschland stationiert waren und sind sehr interessiert. Sie sind Indianer und kennen das Reservat gut und wollen nicht immer nur über indianische Kultur und Spiritualität reden. Und sie spüren auch genau, was man von ihnen will und kommen ohne, dass man sie fragen muss irgendwann auf die Themen zu sprechen, für die man sich interessiert. Und man erfährt meist mehr, wenn man einfach nur zuhört und möglichst wenig Fragen stellt.

Zurückhaltung und Bescheidenheit sind die Zauberworte, mit denen sich auf den Reservaten alle Türen und die Herzen der Menschen öffnen. Was man als Nicht-Indianer auf keinen Fall tun sollte ist, so zu tun, als ob man dazugehörte bzw. als wenn man alles besser wüsste, als die Indianer selbst. Eine gute Freundin von mir ist zweimal ins Fettnäppchen getreten, weil sie sich zu weit vorgewagt hatte. Das eine Mal war sie mit einigen Indianern unterwegs. Die Gruppe hielt an einem Souvenirladen, wo einige Bogen und Pfeile im Schaufenster ausgestellt waren. Sie meinte einen Scherz machen zu müssen und sagte:

„Kommt, lasst uns die Bögen und Pfeile kaufen und ein paar Wasicus jagen.“ Die Indianer antworteten darauf mit ihrer Art von Humor: „Ok, und du bist die erste, die wir erlegen.“

Obwohl diese Äußerung natürlich scherzhaft gemeint war, hatte sie doch einen ernsten Hintergrund. Übersetzt hieß diese Antwort nämlich „Hey, pass auf was Du sagst, du bist selber eine Weisse“. Da meine Bekannte gut mit diesen Indianern befreundet war und zwei von den Lakota sehr geschätzte Tugenden besaß, wie Mitgefühl und Großzügigkeit, entstand ihr mit dieser Aussage kein Schaden. Dennoch hören es Indianer nicht gern, wenn man sich so mit ihnen identifiziert, dass man sein eignes Volk dabei verleugnet.

Der zweite Tritt ins Fettnäppchen betraf die Besserwisserei. Meine Bekannte, die sich eine Menge Wissen über Kultur, Geschichte und Spiritualität der Lakota angelesen hat, beobachte einmal, wie ihr indianischer Freund im Tipi Mücken mit einer Fliegenklatsche totschlug. Sie machte ihn auf den bekannten Spruch „Mitakuye Oyasiŋ“ (Wir sind alle verwandt) aufmerksam und meinte, die Mücken wären doch auch unsere Verwandten. Natürlich hatte sie Recht, aber der Indianer hatte trotzdem keine Lust sich von den Plagegeistern stechen zu lassen und meinte:

„Das müssen deine Verwandte sein. Meine Verwandten sind die Bären. die Büffel und die Adler. Du kannst die Insekten und Schlangen haben“.

Auch eine humorvolle Art indianischer Kritik. Übersetzt bedeuten diese Worte: „Hey, warum erzählst DU  als Weiße MIR als Indianer, etwas über meine Kultur.“

Aber nicht alle Indianer sind so immer nett und höflich. Wenn man es zu weit treibt, oder wenn der Indianer immer noch verärgert über den vorherigen Besucher ist, dann könnte auch das passieren, was Vic Glover in seinem Buch schreibt:

„Die Leute hier (auf dem Reservat) sind meistens tolerant und zugänglich, aber einige sind auch sehr direkt, wie eine Freundin von mir, die sagte zu einer Rainbowtussi, die auf einem Sonnentanz erschien und behauptete, das Kosmische Auge hätte sie gesandt und Crazy Horse wäre ihr in einem Traum erschienen: ‚Verdammt noch mal verpiss dich von hier’.

Ich selbst kenne einige Leute, die enttäuscht aus Amerika zurückkamen und mit Indianern nichts mehr zu tun haben wollen. Sie seien unfreundlich und kalt behandelt worden. Alle ihre Vorstellungen von Indianern sind wie Seifenblasen zerplatzt.

Auf die Idee, dass sie selbst Fehler gemacht haben könnten, sich nicht respektvoll verhalten haben, darauf kamen sie nicht. Als ich versuchte, diesen Leuten ihre Fehler zu erklären, wurden sie ungehalten und meinten, sie seien Weiße, die es nicht besser wussten, und die Indianer hätten dafür Verständnis haben müssen und ihnen mehr Geduld entgegenbringen sollen. Geduld? Wie kann man von den Indianern Geduld erwarten, wenn man selber keine hat? Wie kann man von Indianern Respekt erwarten, wenn man selber keinen Respekt zeigt? Wie kann man von Indianern Höflichkeit erwarten, wenn man sich selbst unhöflich verhält?

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