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Indianersprachen Nordamerikas
Eine
einführende Betrachtung
Auf
der ganzen Welt gibt es
ungefähr 6000 Sprachen, die noch gesprochen werden. Diese Zahl muss man mit
plus/minus 10
% ansehen, je
nachdem, ob
Wissenschaftler
diverse Dialekte, wie
z.B. das Lakota,
als eigenständige
Sprache betrachten. Von
den heute noch
existierenden Sprachen
der Welt machen die
verbliebenen
nordamerikanischen
Indianersprachen ca. 3
% aus.

Es
ist unmöglich genau zu
bestimmen, wie viele
Menschen und demzufolge
auch Sprachen es vor dem
Eintreffen der Europäer
in Nordamerika gab. Die
meisten Sprachforscher
vermuten, dass es vor
der Ankunft des Columbus
ungefähr 300
verschiedene
Indianersprachen nördlich
der mexikanischen Grenze
gab; einige Schätzungen
sprechen sogar von 500.
Auf
Grund der europäischen
Eroberung und Besiedlung
Amerikas, welche
bekanntlich die
Vertreibung, Dezimierung
und in vielen Fällen
sogar vollständige
Vernichtung vieler
Indianerstämme zur
Folge hatte, sind auch
viele Sprachen
verschwunden. Einige
Wissenschaftler
schreiben, dass bereits
die Hälfte aller
Indianersprachen
Nordamerikas
ausgestorben wären. Von
den überlebenden
Sprachen werden mehr als
die Hälfte von weniger
als 1000 Sprechern pro Sprache noch fließend beherrscht. Die meisten
davon sind zweisprachig.
Nur
wenige
Indianer-Nationen, wie
z.B. die Navahos
(auch Navajos genannt), Ojibwa
(auch Chippewa genannt),
die Sioux,
Choctaw, Apache und Cherokee
kommen auf über 10
000 Sprecher. Die Navahos
im Südwesten der USA
stellen mit fast 150
000 Sprechern die größte
Gruppe von Sprechern
einer nordamerikanischen
Indianersprache dar,
gefolgt von den Ojibwa
mit 43 000 Sprechern und den Sioux
(Dakota/Lakota) mit ca. 26
000 Sprechern.
Die
Zukunft der noch
verbliebenen
nordamerikanischen
Indianersprachen sieht
nicht gut aus. Viele
stehen mit einer Anzahl
von 1
– 50 Sprechern
kurz vor dem Aussterben.
Einige Schätzungen
gehen davon aus, dass es
bis zum Jahre 2050 von
den ca. 150
verbliebenen
nordamerikanischen
Indianersprachen nur
etwa 20 überleben
werden.
Der
Sprachwissenschaftler
und Direktor des Alaska
Native Language Center
an der Universität von
Alaska, Dr.
Michael Kraus teilte
die nordamerikanischen
Indianersprachen
prozentual in Kategorien
von A
– E.
Die
kleinste Gruppierung, Kategorie A macht etwa 11 %
der nordamerikanischen
Indianersprachen aus. In
dieser Kategorie wird
die jeweilige Sprache
auf traditionelle Art
noch direkt von Eltern
und Großeltern an die
Kinder weitergegeben.
Kategorie
B mit 17
% steht für
Sprachen, in denen die
Eltern ihre jeweilige
Sprache zwar
beherrschen, diese
jedoch aus
unterschiedlichen Gründen
nicht mehr an ihre
Kinder weitergeben.
Die
größten Kategorien
stellen C und D. Kategorie C, mit 40 %
besteht aus
Personen mittleren
Alters und Groß- und
Urgroßeltern. Kategorie
D, ohne
Prozentangabe, steht für
Sprachen, die nur noch
von wenigen Sprechern
der ältesten Generation
gesprochen werden und
kurz vorm Aussterben
sind. Die letzte Kategorie
E steht für bereits
erloschene Sprachen.
Die
untere Tabelle ist eine
Aufstellung von durch
die Geschichte bekannt
gewordenen Indianervölkern
mit ihren heutigen
Wohngebieten in den
Vereinigten Staaten und
Anzahl der Sprecher. Von
einigen Völkern
existieren zusätzliche
Sprecher in Kanada oder
Mexiko.
| Anzahl
der
Sprecher |
Sprache
(Eigenbezeichnung)
|
Heutiges
Verbreitungsgebiet
|
| 148.530
|
N
avaho (Diné) |
Arizona,
Utah, New Mexico
|
| 43
000
|
Ojibwa
(Anishinabe)
|
Minnesota,
Wisconsin,
Montana, North
Dakota
|
| 26
355
|
Sioux
(Dakota, Lakota,
Nakota)
|
South
u. North Dakota,
Minnesota,
Nebraska,
Montana
|
| 1
2 693 |
Western
Apache
|
Arizona
|
| 11
905
|
Cherokee
(Tsalagi)
|
Oklahoma,
North Carolina
|
| 4
264
|
Hopi
(Hopi)
|
Arizona,
Utah, New Mexiko
|
| 4
280
|
Crow
|
Montana
|
| 2
284
|
Shoshoni |
Nevada,
Idaho, Wyoming
|
| 1
800
|
Mescalero
– Chiricahua
Apachen
|
New
Mexico
|
| 1
721
|
Northern
Cheyenne
(Tsitsitsta)
|
Montana
|
| 1
092
|
Kiowa
|
Oklahoma
|
| 1
062
|
Blackfoot
|
M
ontana |
| 1
038 |
Arapaho
|
Wyoming,
Oklahoma
|
| 854
|
Com’anche
(Nemene)
|
Oklahoma
|
| 697
|
Nez
Perce (Nimipu)
|
Idaho
|
| 234 |
Shawnee
|
Oklahoma
|
| 1
8 |
Kiowa
-Apache
|
Oklahoma
|
| 6
|
Mandan
|
North
Dakota
|
| 4 |
Pawnee
|
Oklahoma
|
Trotz dieser düsteren
Prognose, versuchen
viele Stämme auf Grund
eines wachsenden
ethnischen Bewusstseins
und Stolzes auf ihre
Kultur, ihre vom
Aussterben bedrohten
Sprachen zu erhalten
oder wieder zu beleben.
Seit Anfang der 70iger
Jahre des 20.
Jahrhunderts entstehen
mehr und mehr
stammeseigene Schulen,
Universitäten und
andere
Bildungseinrichtungen,
und auch viele
nicht-indianische
Universitäten bieten
inzwischen Kurse für
nordamerikanische
Indianersprachen an.
Auch einige Stammesälteste
auf verschiedenen
Reservationen versuchen
durch Eigeninitiative
und ohne Förderung
durch öffentliche
Mittel, etwas für den
Erhalt ihrer Sprachen zu
tun, indem sie
Sommersprachcamps für
Indianer und
Nicht-Indianer anbieten.
Gemeinsamkeiten der nordamerikanischen
Indianersprachen
Trotz großer
Unterschiede in
Vokabular, Grammatik und
Syntax (Satzbau) haben
die Indianersprachen
Nordamerikas auch viele
Gemeinsamkeiten. Der
Sprachforscher Hans
Joachim Störig
schreibt dazu in seinem
Buch Die
Sprachen der Welt
„Im Sprachbau zeigen sehr viele, wenn auch nicht alle
nordamerikanischen
Indianersprachen eine
Eigenheit, die man als
polysynthetischen oder
inkorporierenden
(einverleibenden)
Sprachtypus
charakterisieren kann.
Was wir in einem Satz
sagen, wird in diesen
Sprachen häufig in ein
einziges – in der
Regel langes – Wort
komprimiert.“
(Hans
Joachim Störig, Die
Sprachen der Welt,
Langenscheid, Berlin,
1987, Seite 315)
Nehmen wir zum Beispiel
den deutschen Satz
„Ich komme nach
Hause“, der im Lakota (Sprachfamilie
der Siouan) mit
einem einzigen Wort, nämlich
„wagli“ ausgedrückt
wird. Dabei steht die
Silbe „wa“ für
unser ich, und das
„gli“ steht für
unser „nach Hause
kommen. Durch das
Voranstellen der Silbe
„wa“ an das Verb
„gli“ entsteht also
der Satz „Ich komme
nach Hause“ für den
im Deutschen vier
einzelne Worte notwendig
sind. Bevor wir uns
einer anderen Sprache
zuwenden noch ein
Beispiel aus dem Lakota.
Der Satz „Ich möchte
mit dir sprechen“
besteht im Deutschen aus
fünf Worten, im Lakota
hingegen aus zwei, nämlich
„Wociglaka waciŋ“. Der Satz wird aus folgenden Einheiten
gebildet: „Woglaka“
(sprechen) „ci“
(ich/dir) „wa“ (ich)
und „ciŋ“ (möchten).
Statt der drei Worte
„ich mit dir“
benutzt der Lakota
einfach nur die Silbe
„ci“, die er in
diesem Fall in das Wort
„woglaka“ (sprechen)
inkorporiert, bzw.
einverleibt.
Nehmen wir ein anderes
Beispiel, diesmal
aus der Sprache
der Ojibwa, die zur Sprachfamilie
der Algonkin gehört.
Der deutsche Fragesatz
„Bist du hungrig ?“
heißt im Ojibwa
„Gibakade na ?“ Dem
Wort „bakade“
(hungrig) wird die Silbe
„gi“ für unser
„du“ vorangestellt.
Die Silbe „na“ steht
für viele
nordamerikanischen
Indianersprachen üblich,
für ein ausgesprochenes
Fragezeichen. Die
Antwort könnte dann
lauten: „Nimbakade“
(Ich bin hungrig), wobei
die Silbe „nim“ für
unser „ich“ steht.
Ein anderes Beispiel aus
der Sprache der Cherokee
(Sprachfamilie
der Irokesen). Für
den aus drei Worten
bestehenden deutschen
Satz „Ich bin
Cherokee“ brauchen die
Cherokee nur ein Wort, nämlich
„Tsitsalagi“. Die
Silbe „tsi“ steht für
unser „ich“ und
„Tsalagi“ bedeutet
Cherokee.
Hier haben wir eine
weitere
Charaktereigenschaft,
die viele
Indianersprachen
gemeinsam haben, das
Weglassen des Verbs
„sein“ bei Volkzugehörigkeit,
Geschlecht und Beruf,
sowie auch in seiner
Funktion als Hilfsverb.
Sehen wir uns hierzu
noch einmal die beiden
Beispiele aus der Ojibwa
– und der
Cherokeesprache an. Auffällig
ist, dass bei beiden das
Verb „sein“ fehlt. Wörtlich
übersetzt heißt
„nimbakade“ nämlich
nicht „ich bin
hungrig“ sondern nur
„ich-hungrig“
und „Tsitsalagi“ heißt
wörtlich nicht etwa
„ich bin Cherokee“
sondern nur
„Ich-Cherokee“.
Obwohl es im Lakota eine
mehrere Formen des Verbs
„sein“ gibt, so
verzichtet man auch hier
oft auf dessen
Anwendung, z.B. bei
„Malakota“ (Ich bin
Lakota) oder bei
„lowaciŋ“ (Ich
bin hungrig).
Interessant für die
Polysynthese ist das
letzte Beispiel.
Aus
den drei deutschen Wörtern
„Ich bin hungrig“
entsteht im Lakota ein
einziges Wort welches
sich aus den Worten für
Fleisch/Nahrung (Talo,
Kurzform lo), dem
eingeschobenen
Personalpronomen
„ich“ (wa), und dem
Verb „möchten“(waciŋ)
zusammensetzt. Wörtlich
übersetzt heißt das
Wort „lowaciŋ“
also Fleisch-ich-möchten.
Auch in der Aussprache
gibt es einige
Gemeinsamkeiten bei
vielen Indianersprachen
in Nordamerika. Am häufigsten
tritt der willkürlich
herbeigeführte
Verschluss der Glottis
(hinterer Teil des
Rachenraumes, in dem
sich das Zäpfchen
befindet) auf, in der
englischen
Sprachwissenschaft
deshalb auch Glottal
Stop genannt. Diesen
Glottal Stop finden wir
in den Sprachen der
Lakota, Navahos,
Cheyenne, Ojibwa,
Blackfeet und vielen
anderen. Während in den
Sprachen der Lakota und
Ojibwa oft nur ein bis höchstens
zwei Glottal Stops pro
Wort zu finden sind,
wimmelt es in den
Sprachen der Blackfeet,
Cheyenne und besonders
der Navahos nur so
davon. Drei Glottal
Stops in einem Wort sind
keine Seltenheit. In
schriftlichen
Aufzeichnungen von heute
wird der Glottal Stop
mit einem „’“
angezeigt, in
Aufzeichnungen der
damaligen Zeit oft mit
einem „?“ .
Hier einige Sprachbeispiele für den Glottal Stop (Verschlusslaut)
| Sprachfamilie
|
Sprache
|
„Indianisches“
Wort
|
Deutsche Übersetzung
|
| Athapasken
|
Apache
|
Naìniih nagoz’aagee
|
Marktplatz |
| Navaho
|
Ya’at’ééh
|
Hallo/ es ist gut |
| Navaho
|
T’óó’ahayói
|
viele |
| Algonkin
|
Blackfeet
|
Ksisisttsomo’ki
|
Deutsche(r) |
| Cheyenne
|
Nema’óhasené- ame’hahtotse
|
Helikopter |
| Ojibwa
|
Ma’iingan
|
Wolf |
| Irokesisch
|
Cherokee
|
Towo’di
|
Falke |
| Mohawk
|
Teki’taksen’s
|
schlechte Gesellschaft |
| Mohawk
|
Khena’khwaye’ wenta’s |
jemanden beruhigen |
| Siouan
|
Crow
|
O’óchpe |
Wunde |
| Lakota
|
uŋk’upi |
Wir kommen |
| Lakota
|
Tap’icakape |
Fledermaus |
Außer
dem Glottal
Stop trifft man auch
häufig auf nasalisierte
Vokale, die in
schriftlichen
Aufzeichnungen der
jeweiligen Sprache oft
mit einem „ŋ“
gekennzeichnet werden
und eine große Anzahl
von Doppelvokalen, die die Länge des gesprochenen Buchstabens anzeigen
sollen.
Weiterhin allen
nordamerikanischen
Indianersprachen
gemeinsam ist, dass sie
vor Ankunft der Europäer
keine Schriftsprachen
entwickelt haben, was
sich als schweres
Hindernis für die
heutige Sprachforschung
darstellt. Erst lange
nach Ankunft der ersten
Europäer haben einige
Stämme wie die
Cherokee, Ojibwa und
Cree eigene
Schriftsprachen
entwickelt, in denen
sogar heute noch
Zeitungen gedruckt
werden.
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